… und dann war plötzlich alles anders!

Fünf Menschen, fünf Lebenswege – und am Ende dieselbe harte Realität: die Rente reicht nicht zum Leben. Fünf Lichtblick-Senioren erzählen von ihren ganz persönlichen Lebenswegen, die auch mit Krisen und Schicksalsschlägen gepflastert sind – Tod eines Kindes, Krankheit, Insolvenz. Alle eint, dass sie dadurch in die Altersarmut geschlittert sind. Ihre Lebenswege zeigen: Es kann jeden treffen.
Man sollte jeden glücklichen Moment genießen. Man weiß nie, was kommt.
Annegret S.
Man sollte jeden glücklichen Moment genießen. Man weiß nie, was kommt.

Annegret S. (76) „Der Schmerz nach dem Tod meines Kindes war unvorstellbar“

An den Wänden der kleinen Wohnung von Anne S. in Münster hängen Fotos ihrer Kinder, daneben gemalte Bilder der Enkel, sie geben Trost in schweren Zeiten. Mit ihrem siebenjährigen Enkelsohn geht die Rentnerin oft in die Kirche. „Er zündet jedes Mal eine Kerze an und sagt: ‚Die ist für Markus‘. Das finde ich so süß, er kannte ihn ja gar nicht“, erzählt die 76-Jährige und wischt sich eine Träne von der Wange. Der Enkel spürt wohl, was seiner Oma Markus bedeutet hat. Der Tod ihres ältesten Sohnes teilte am 29. Oktober 2005 ihr Leben in ein Davor und ein Danach.
Ihr Leben hatte sich damals gerade erst wieder sortiert. Nach der Scheidung war sie 1990 mit den Kindern aus dem Einfamilienhaus in eine 55-Quadratmeter-Wohnung gezogen. Sie ging putzen und kassieren, schlief auf einem Sofa aus dem Sozialkaufhaus. Die Kinder teilten sich ein Zimmer und schliefen auf Matratzen. Markus war 19, Stefan 16, Tochter Nadine 10. „Markus war in der Ausbildung und eine große Stütze“, erinnert sich Anne S. Auch dank der Hilfe ihres Ältesten meisterte sie die schwierige Zeit. Die Kinder wurden erwachsen, sie fand Arbeit als Möbel-Verkäuferin und eine schöne Wohnung. „Das Leben war in Ordnung.“
Doch am 29. Oktober 2005, einem Samstag, kamen Stefan und Nadine zu ihr ins Möbelhaus: Markus sei leblos bei Freunden aufgefunden worden. Im Totenschein des 34-Jährigen stand Herz-Kreislauf-Versagen. Anne S. kollabierte. „Ab da ging’s abwärts. Der Schmerz war unvorstellbar.“ Sie aß nicht mehr, nahm Medikamente und musste oft in die Klinik. An Arbeit war für sie, die Kämpferin, die stets gearbeitet hatte, nicht mehr zu denken. Nach einem Gutachter-Marathon erhielt sie 750 Euro Erwerbsminderungsrente – bei 500 Euro Miete.
Noch heute kämpft die Rentnerin mit dem Schmerz, ist oft am Grab ihres Sohnes. Sie engagiert sich ehrenamtlich in Pfarrei und Kleiderkammer, um anderen zu helfen. Selbst Hilfe anzunehmen, weil die Rente nicht reicht, das fällt ihr schwer. Umso wertvoller sei Lichtblick, weil es Hilfe auf Augenhöhe ist. Die gemeinsamen Ausflüge machen ihr Freude. Gegen das Alleinsein hilft ihr manchmal ein Cappuccino und ein Klönschnack im Vereinsbüro. Anne S. sagt: „Man sollte im Leben jeden glücklichen Moment genießen. Man weiß nie, was kommt.“