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von Patricia Schmidt-Fischbach

Rosemarie K., 75, braucht ein Sauerstoffgerät, das sie immer mit sich herumschleppen muss.

„Das ist kein schönes Leben. Echt. Ne. Für mich ist das Leben zu Ende, ich kann nicht mehr außer Hause.“ Selbst wenn sie nach draußen ginge, in dem kleinen Ort nahe Wolfenbüttel gibt es nichts mehr, wo Menschen sich begegnen könnten. Die Gaststätte, der Laden, die Kirche sind verwaist. Richtig schlimm sei es geworden, sagt sie, seit Mann und Hund tot sind. Die Töchter sind weit weg. Eine Nachbarin kauft für sie ein. Nicht mal mehr der Hausarzt schaut vorbei, klagt sie. Um Rosemarie K. müsste man sich kümmern. Dr. Hinrik M. Thiemann ist Allgemeinarzt in der nächsten Kleinstadt. Das Problem ist ihm bewusst.

Hausbesuche macht er keine mehr, auch wenn er weiß, dass sie für viele Patienten mehr als die medizinische Versorgung bedeuten. Keine Zeit. Er beobachtet immer mehr depressive Symptome bei älteren Patienten: Freudlosigkeit, Antriebsmangel, Appetit- und Kraftlosigkeit. 35 Prozent der Selbsttötungen betreffen Menschen über 65 Jahre, sagt er.

Einsamkeit ist eine Krankheit, die häufig unerkannt bleibt und zudem schmerzhaft, ansteckend und tödlich ist.

Manfred Spitzer

Ulmer Psychiater, Hochschullehrer und Autor

Wann ist ein Mensch einsam?

Nach Angaben des Deutschen Zentrums für Altersfragen hat jeder vierte alte Mensch nur noch einmal im Monat Besuch. Doch nicht jeder, der allein lebt oder ist, fühlt sich einsam. Da niemand zugeben mag, dass er sich einsam fühlt, fragt die Wissenschaft indirekt: Haben Sie innerhalb der letzten Woche jemanden gesehen, den sie im Notfall um Hilfe bitten könnten? Aus der Antwort wird dann abgeleitet, ob jemand real zu wenige Kontakte hat. Die soziale Isolierung nimmt im Alter zu, weil der Partner verstorben ist, Krankheit oder Schwäche Fuß-Wege erschweren. Auch Armut macht einsam, weil das Geld für Unternehmungen fehlt.

Einsamkeit ist auch ein Gefühl, das in jedem Alter, in der Großstadt ebenso wie auf dem Land zu schaffen machen kann. Es befällt auch nicht nur Alleinlebende. Jana B., 42, nennt ihre Partnerschaft „lieblos“ und fühlt sich darin „gefangen, ausgeliefert und allein“. Claudia K. hat „viele Kontakte, kann aber keine Verbindung zu den anderen aufnehmen. Deshalb bleibe ich immer ein bisschen auf Distanz, weil ich denke, ich muss so schrecklich für die anderen sein.“ Einsamkeit ist ein inneres Erleben, das Krankheitswert haben kann.

Einsamkeit tut weh

Heute weiß man, dass Einsamkeit und Schmerzen im Gehirn auf die gleiche Weise und vom gleichen Organ produziert werden, so Fachmann Manfred Spitzer. Denn der Mensch ist ein Herdentier. Das Zentrum im Gehirn, das durch Schmerz Alarm schlägt, wenn die körperliche Unversehrtheit gefährdet ist, hat über Jahrhunderte dieselbe Funktion für die „soziale Integrität“ übernommen. Das Gehirn meldet also Einsamkeit genauso wie sonst Schmerzen und signalisiert damit: Ändere etwas. Das Gefühl der Einsamkeit kann andere, die dafür sensibel sind, selbst runterziehen. Wer anfällig ist dafür, sollte solche Menschen meiden. Ähnlich wie jemand, dessen Immunabwehr geschwächt ist, Erkälteten aus dem Weg gehen sollte, so Spitzer. Der gesellige Raucher lebt gesünder als der einsame Asket Wenn gefühlt nie jemand da ist, der einem im Notfall hilft, verursacht das chronischen Stress, der auch im Labor nachweisbar ist. Dann schüttet die Nebenniere Cortisol aus, Blutdruck, Blut-Zucker und Puls gehen nach oben, Verdauung und Immunabwehr werden runtergeregelt. Auf Dauer führt das zu Bluthochdruck und Diabetes, Übergewicht und Depressionen, mehr Infekten und eher Krebs. Deshalb, so Spitzer, führt Einsamkeit letztendlich eher zum Tod als Rauchen, Übergewicht, Trinken und Bluthochdruck zusammen.

Was hilft?

Es nützt aber gar nichts, mahnt der Psychiater, einsamen Menschen Tipps zu geben wie: Geh doch mal unter Leute! Denn genau das könne ein Vereinsamter gerade nicht. Besser sei Aufmunterung: Jeder Mensch wird gebraucht und du auch! Am besten verbindet man das mit einem konkreten Hinweis: Da bei der „Tafel“, dort im Hospiz wird jemand gesucht. Das aktive Unterstützen von anderen hilft wirksam gegen Einsamkeitsgefühle. Spitzer rät, auch die Kraft der Natur für sich zu nutzen. „Wer drei Stunden allein in den Wald geht, wird hilfsbereiter, geht eher auf Leute zu, wird ein freundlicherer und sozialerer Mensch.“ Mit anderen zusammen Musik machen, singen oder tanzen, bringt Menschen in einen Kontakt, der guttut. Wenn Dorf- und Familien-Strukturen zerbröseln und die Älteren hilflos zurück bleiben, dann ist auch der Staat in der Verantwortung. Doch der wacht nur langsam auf (siehe Kommentar „Ein Misterium gegen Einsamkeit“). In der Region, in der Rosemarie K. wohnt, hat das DRK das Sozio–Med–Mobil gestartet − für zwei Jahre aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds. Es bietet auf den Dörfern hilfsbedürftigen Senioren, chronisch Kranken, bedürftigen und behinderten Menschen Fahrdienste zum Arzt und eine Lebensberatung direkt im Bus an. Rosemarie K. war noch nicht da, der Antrieb fehlt.

Gute Ansätze

In Bremen–Vahr springen Freiwillige, die „Vahrer Löwen“, in die Bresche und suchen gezielt ältere einsame Menschen auf, schenken Zeit und informieren über Angebote vor Ort. Die Verbandsgemeinde Linz am Rhein hat bereits erkannt, dass sie aktiv auf vereinsamte alte Menschen zugehen muss. Denn die bringen oft nicht mehr genügend Eigeninitiative auf, um nach Unterstützung zu fragen. Drei festangestellte „Kümmerer“ machen Hausbesuche, beraten zu Behördenangelegenheiten, vermitteln Pflege– und Fahrdienste oder Essen auf Rädern. Auch im dünn besiedelten Mecklenburg–Vorpommern kämpft ein angestellter „Dörpkieker“ gegen die Vereinsamung der Senioren und organisiert Frauen–Yoga, Fahrdienste und Wegbegleitung. Die Volkssolidarität Uecker–Randow finanziert das aus Mitteln der Fernsehlotterie. In Rotenburg/Wümme lenken Ehrenamtliche täglich den kleinen Bürgerbus RoBBy durch die Rotenburger City. Nur durch sie können ältere Menschen wieder am sozialen Leben teilhaben. Im niederbayerischen Salzweg finanziert LichtBlick Seniorenhilfe den kostenlosen Fahrdienst mit, damit ältere Menschen mobil bleiben.

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