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Ein Kommentar von Patricia Schmidt-Fischbach

Immer mehr Rentner werden in Altersarmut rutschen. Das steht fest. Langsam formiert sich Widerstand. Drei Beispiele von Menschen, die den absehbaren sozialen Abstieg nicht schweigend hinnehmen wollen.

 

Olaf Könemann ist Paketzusteller. Also einer von denen, die bei jedem Wetter das an die Wohnungstür schleppen, was abends auf der Couch bestellt wurde. 150 bis 160 Pakete liefert er jeden Tag aus. Könemann  ist 52 Jahre alt und fährt seit 18 Jahre Pakete aus – zum Tariflohn, inklusive 13. Monatsgehalt und Urlaubsgeld. Er verdient besser als manch anderer  Zusteller. Seine Rente wird, wenn alles gut läuft, bei  1162 Euro brutto liegen.  Er wird seine Altersbezüge zu 80 Prozent versteuern und Sozialabgaben bezahlen müssen. So sieht es das System vor. Nach 51 Jahre Arbeit wird er als Rentner auf Zuwendungen anderer angewiesen sein. IG Metall-Warnstreik bei Airbus Hamburg am 29.1.2015. Ca. 2000 TeilnehmerInnen streiken in der Tarifrunde 2015 für 5,5%. 

Das macht Olaf Könemann richtig wütend. „ Ändert sich nichts an der Rentenpolitik, wird ab dem Jahr 2030 jeder zweite Arbeitnehmer in Altersarmut landen“, sagt er. Er möchte die junge Generation wach rütteln – allerdings, wer denkt mit 20 schon an seine Rente? Deshalb rapt Könemann seinen Weckruf:

„Ich hab Sorge. Ich hab Not | Im Alter bleibt wohl nur trocken Brot. | Ach, wenn ich auf meine Rente sehe | Muss ich wohl fürs Essen zur Tafel gehen | Mensch, Alter, mich packt das Grausen | Wo werde ich von dem bisschen Rente hausen | Ist unter der Brücke noch ein Plätzchen frei? | Komm näher, komm ran und hör meinen Schrei. | Armut im Alter, das ist eine Schande. | In diesem unserem ach so reichen Lande.“

Olaf Könemann

Paketzusteller

46.000 Klicks hat sein Renten-Rap auf Youtube bereits.
Das reicht Könemann nicht. Auf der Online-Plattform Change.org startete er vergangenen Sommer eine Petition adressiert an Martin Schulz. Schließlich versprach die SPD im Wahlkampf „Mehr Gerechtigkeit“. Als Könemann dem damaligen Parteivorsitzenden Schulz die ersten 73.000 Unterschriften bei einem Wahlkampfauftritt übergab, sagte dieser ihm Unterstützung zu. Das Versprechen  ist nach Schulz‘ politischem Ende nicht mehr viel wert. Könemann  wird seine Petition nun an Hubertus Heil richten, den neuen Arbeits- und Sozialminister.
Am 26. Mai will der Aktivist zudem 20 Zelte auf Hamburgs Rathausmarkt aufstellen. „Seniorenresidenz 2030“ wird drüberstehen. Damit auch der letzte versteht, was auf ihn im Alter zukommt.  
Wolfgang Domeier sieht  das schon seit längerem. Das Betriebsrentenstärkungsgesetz treibt ihn um.  Zwar verdiente Domeier als Informatiker in der Metallindustrie gutes Geld, Altersarmut bedroht ihn persönlich nicht. Doch der 68-Jährige war lange Betriebsrat.  Und er ist ein politisch denkender Kopf. Der DGB lässt sich von der SPD bei den Betriebsrenten über den Tisch ziehen, meint Domeier. Die Haken:  Kein Arbeitgeber wird gezwungen, eine Betriebsrente aufzubauen. Die Höhe der Altersversorgung ist nicht garantiert.
Domeier befindet sich im Un-Ruhestand. Seit Januar 2017 macht er mobil mit der Initiative „Gerechtigkeit braucht Engagement“. In Ritterhude steht er jeden Montag auf der Straße, informiert und wirbt um Unterschriften . Er will die Privatisierung der Altersvorsorge stoppen und die gesetzliche Rente stabilisieren: 

„Heben Sie endlich die Beitragsbemessungsgrenzen deutlich an, erweitern Sie den Versichertenkreis und lassen Sie die staatliche Altersversorgung ohne Eigenbeiträge von Politikern und andere Berufsgruppen schnellstens auslaufen. Sorgen Sie wieder für eine paritätische und solidarische Finanzierung der Rente.“

Wolfgang Domeier

Informatiker in der Metallindustrie

46.000 Klicks hat sein Renten-Rap auf Youtube bereits.
Das reicht Könemann nicht. Auf der Online-Plattform Change.org startete er vergangenen Sommer eine Petition adressiert an Martin Schulz. Schließlich versprach die SPD im Wahlkampf „Mehr Gerechtigkeit“. Als Könemann dem damaligen Parteivorsitzenden Schulz die ersten 73.000 Unterschriften bei einem Wahlkampfauftritt übergab, sagte dieser ihm Unterstützung zu. Das Versprechen  ist nach Schulz‘ politischem Ende nicht mehr viel wert. Könemann  wird seine Petition nun an Hubertus Heil richten, den neuen Arbeits- und Sozialminister.
Am 26. Mai will der Aktivist zudem 20 Zelte auf Hamburgs Rathausmarkt aufstellen. „Seniorenresidenz 2030“ wird drüberstehen. Damit auch der letzte versteht, was auf ihn im Alter zukommt.  
Wolfgang Domeier sieht  das schon seit längerem. Das Betriebsrentenstärkungsgesetz treibt ihn um.  Zwar verdiente Domeier als Informatiker in der Metallindustrie gutes Geld, Altersarmut bedroht ihn persönlich nicht. Doch der 68-Jährige war lange Betriebsrat.  Und er ist ein politisch denkender Kopf. Der DGB lässt sich von der SPD bei den Betriebsrenten über den Tisch ziehen, meint Domeier. Die Haken:  Kein Arbeitgeber wird gezwungen, eine Betriebsrente aufzubauen. Die Höhe der Altersversorgung ist nicht garantiert.
Domeier befindet sich im Un-Ruhestand. Seit Januar 2017 macht er mobil mit der Initiative „Gerechtigkeit braucht Engagement“. In Ritterhude steht er jeden Montag auf der Straße, informiert und wirbt um Unterschriften . Er will die Privatisierung der Altersvorsorge stoppen und die gesetzliche Rente stabilisieren: „Heben Sie endlich die Beitragsbemessungsgrenzen deutlich an, erweitern Sie den Versichertenkreis und lassen Sie die staatliche Altersversorgung ohne Eigenbeiträge von Politikern und andere Berufsgruppen schnellstens auslaufen. Sorgen Sie wieder für eine paritätische und solidarische Finanzierung der Rente.“  Das sind seine Forderungen.
Bislang hat Domeier 60.000 Unterschriften zusammen – zu wenige, um politisch wirklich etwas zu bewegen. 100.000 Unterstützer sollten es mindestens sein. Die Zeit läuft ihm davon. Denn die zunächst für 2019 angekündigte Rentenkommission will Minister Heil nun schon in diesem Sommer einsetzen. Sie soll die Entwicklung von Rentenniveau und -beitrag nach 2025 beraten. Bis dahin könne er nicht genügend Druck aufbauen, um sich Gehör zu verschaffen, fürchtet Domeier.
Seit Jahren fühlen sich auch andere IG Metaller, Ver.dianer, IG Bau- und GEW-Mitglieder in Sachen Rente von ihren Organisationen nicht gut vertreten. Im Juni 2014 gründeten IG Metall Senioren aus Schleswig-Holstein die Plattform „Seniorenaufstand“.  Auch das Rhein-Main Bündnis und das Bündnis „Rente zum Leben“ kämpfen für eine Rente, die zum Leben reicht.
Die Berlinerin Elvira Kähne, 62, geht die Sache anders an. In drei Jahren könnte  die gelernte Erzieherin und Sozialarbeiterin mit 1100 Euro brutto in Rente gehen. Seit letztem Sommer ist sie allerdings wegen Burnout und Herzproblemen krankgeschrieben. Sie fürchtet, in Erwerbsunfähigkeits-Rente zu rutschen, wodurch ihre Altersbezüge geringer würden. Selbst im günstigen Fall bleiben ihr nach Abzug aller Kosten als Rentnerin nur 278 Euro im Monat zum Leben bleiben – nach 35 Arbeitsjahren. Ihre Brutto-Rente läge 60 Euro zu hoch für die „Tafel“. Wie soll das dann gehen, fragt sie sich und hundert Bundestagsabgeordnete, Wohltätigkeitsverbände, Kirchengemeinden. Antwort bekommt sie keine.
Entmutigen lässt sie sich nicht. „Ich muss was tun, sonst werde ich verrückt“, sagt sie.  Sie will nachbarschaftliche Haltenetze gegen Armut und Einsamkeit im Alter knüpfen.

„Ich möchte die Leute davon überzeugen, dass sie ihren Mantel anziehen, rausgehen und andere Menschen kennenlernen in ähnlicher Lage. Alle schämen sich für ihre Armut. So viele Leute erzählen mir ihre Geschichte. Manche haben Selbstmordgedanken, weil alles aussichtslos erscheint.“

Elvira Kähne

62, Berlinerin

Also wirbt sie bundesweit um Unterstützer. 50 hat sie in ihrer Kartei, die in ihren Regionen aktiv werden wollen. Derzeit baut  Kähne eine Website mit Datenbank auf.  „Ich will die Menschen erst mal zusammenbringen, die sich gegenseitig unterstützen wollen“, sagt sie. Einkaufen gehen, wenn der andere das nicht mehr kann, oder eine Wohnung teilen, wenn die eigene zu teuer wird. „Es ist wahnsinnig schwer, Leute zu motivieren. Aber mir fällt nichts anderes ein, um auch politischen Druck aufzubauen.“  Wer mitmachen will, schreibt eine Mail an RenteZumLeben@aol.com.
Handfeste Hilfe leisten Ursula Rüggenmann und Martin Hannig in Neu-Ulm. Sie kaufen im Rahmen des Malteser-Projekts „Neu-Ulm packt’s“ Grundnahrungsmittel, frisches Obst und Gemüse. Jedes Paket hat einen Wert von 20 bis 25 Euro. Bestimmt sind diese für Menschen im Rentenalter, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, von Grundsicherung oder einer kleinen Rente leben.
Wenn die beiden Ehrenamtlichen die Pakete bringen,  nehmen sich auch Zeit für einen Schwatz.  „Es hilft, wenn man sich Kummer von der Seele reden kann.“ So wächst mit der Zeit Vertrauen.  Die Aktion „Packt’s an“ gibt’s auch in Augsburg, Dillingen, Aichach-Friedberg, Memmingen und Kempten. Finanziert werden die Lebensmittel hälftig durch Patenschaften und „Die Kartei der Not“, das Hilfswerk der Augsburger Regionalzeitung.

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