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Foto: © Karin Weber

„Ich wusste mir nicht mehr anders zu helfen“, beantwortet Roswitha S. die Frage, warum sie Pfandflaschen sammelt. Irgendwann war die Not so groß, dass sie begann am Münchner Ostbahnhof in Mülleimern nach Leergut zu suchen. Für zwei bis drei Euro mehr in der Geldbörse kämpfte die 71-Jährige gegen die Scham an. Fünf Jahre lang – dann der Schockmoment: zwei Mitarbeiter eines Bahnbetreibers erteilten der Rentnerin mit der zarten Figur Hausverbot. Roswitha S. wurde wegen Hausfriedensbruch angezeigt und zu einer Strafe von 260 Euro verurteilt.

„Ich wusste mir nicht mehr anders zu helfen. Am liebsten wäre ich unsichtbar, dass mich keiner sieht, wenn ich mir wieder in den Finger geschnitten habe beim Griff in den Mülleimer.“

Roswitha S.

Niemandem zur Last fallen

Das Bußgeld muss sie in Raten von monatlich 20 Euro abstottern, was ein riesiges Loch in ihre Haushaltskasse reißt. Bei 450 Euro Rente und aufstockender Grundsicherung bleiben Roswitha R. abzüglich Miete und Fixkosten gerade einmal 140 Euro zum Leben. Doch was die Rentnerin noch mehr belastet: durch das Hausverbot des Bahnbetreibers wird jede Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Spießrutenlauf: „Ich darf das Gelände ja nicht mehr betreten. Man kommt sich einfach vor wie eine Schwerverbrecherin.“ Verschämt hält sie sich ihre vernarbten Hände vors Gesicht: „Am liebsten wäre ich unsichtbar, dass mich keiner sieht, wenn ich mir wieder in den Finger geschnitten habe beim Griff in den Mülleimer.“ Auf der Tasche liegen möchte sie niemandem – auch nicht nach ihrem Tod. „Eine kleine Nische in der Urnenwand für 10 Jahre“, darauf spart die Seniorin.

Foto: © Karin Weber

„Ich bin ein Stehaufmännchen!“

Ihr kleines Ein-Zimmer-Appartement im Münchner Osten ist mit vielen Fotos ihrer Liebsten geschmückt, in Bilderrahmen, die sie auf dem Müll findet. „Was andere nicht mehr wollen, findet bei mir ein neues Zuhause.“ Die Rentnerin streicht über die bestickte Tischdecke auf dem kleinen Esstisch. „Die habe ich im Müll gefunden, heiß gewaschen. Sie ist wie neu.“

Aufgeben kommt für Roswitha R. nicht in Frage, dafür hat sie schon zu viel durchgemacht. Als Säugling von den Eltern weggegeben, missbraucht ihre Pflegemutter sie als Putzkraft: „Weil ich so klein war musste ich das Plumpsklo putzen – von innen.“ Mit 14 Jahren musste sie auf dem Bau mithelfen, später war sie Putzkraft und Hausmeisterin. „Heute will mich keiner mehr. Ich bin 71 Jahre alt, habe Osteoporose und die Knie tun mir weh.“ Doch die schlimmste Zeit hat sie hinter sich seit sie von LichtBlick Seniorenhilfe unterstützt wird. Der Verein überweist ihr monatlich 35 Euro auf ihr Konto, finanziert ihr Spezialschuhe, die sie wegen ihrer Arthrose und den Schmerzen in den Füßen so dringend braucht. Auch eine neue Jacke kann sie sich nach 11 Jahren mit Gutscheinen für Kleidung endlich selbst kaufen. „Die Chefin von LichtBlick ist ein Engel. Diese Unterstützung zu erfahren macht Mut und ich lass’ mich nicht unterkriegen, denn ich bin ein Stehaufmännchen!“

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