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Heimatvertrieben, ein neues Leben aufgebaut, immer gearbeitet und am Lebensabend muss jeder Cent doppelt umgedreht werden, um den Alltag bestreiten zu können. Und doch strahlt das Herz von Aloisia R. positives aus, nicht zuletzt, weil die Lichtblick Seniorenhilfe ihr eine helfende Hand reicht.

Es ist ein regnerischer Vormittag und doch bringt Lichtblick-Mitarbeiterin Bettina Mack Sonne in den Tag von Aloisia R.. Die erstaunlich rüstige 94-Jährige freut sich über den Besuch und auch über das Mitbringsel – eine Jutetasche gefüllt mit Obst, Süßem und einer Frauenzeitschrift. „Die lese ich dann, wenn ich nächste Woche meine Brille bekomme“, merkt Aloisia R. an. Bislang hat sie Kleingedrucktes mit Hilfe einer Lupe gelesen, weil eine Brille nicht im Budget der Rentnerin lag. Aloisia R. ist eine von drei Millionen Deutschen, deren Rente nicht für das Nötigste reicht. Dabei hat Aloisia R. immer hart gearbeitet – ihre Lebensgeschichte steht für viele ihrer Generation.

Auf der Flucht mit 50 Kilo Gepäck und den Papieren

Am 27. Dezember 1926 geboren, wuchs Aloisia R. mit ihrer Schwester im Böhmerwald auf. „Ich hatte eine schöne Kindheit“, sagt sie mit einem Lächeln auf den Lippen. Nach der Schulzeit absolvierte sie eine Ausbildung zur Damenschneiderin. Dann wurde sie von den Wirren der Zeit eingeholt. Arbeitsdienst in Viechtach, später Kriegshilfsdienst in einer Munitionsfabrik in München. Die Dokumente ihrer Jugend haben auch die Flucht „überlebt“. „Das habe ich meinem Vater zu verdanken“, bis heute bewahrt sie ihre Papiere wie einen Schatz auf. „Eine weiße Binde hat uns bei den Tschechen als Deutsche ausgewiesen. Genommen haben sie uns alles: Skier, Radio, ja sogar unsere Geiß. Aber mein Vater wusste, dass es wichtig ist, dass wir uns nach der Flucht ausweisen können.“ Raus aus dem Haus, raus aus der Heimat im Böhmerwald, hinein in eine ungewisse Zukunft mit 50 Kilogramm Gepäck pro Person. Deportiert auf einem Viehwagen landete die Familie erst in einem Lager, an das Aloisia R. auch heute nur mit Widerwillen zurückdenkt. „Wir haben dort das erste Mal Bekanntschaft mit Wanzen gemacht. Und es ist nur meinem Vater zu verdanken, dass meine Schwester und ich nicht zu den vielen jungen Frauen zählten, die vergewaltigt wurden. Die Schreie vergesse ich nie“, Tränen steigen in die Augen der 94-Jährigen.

In Regenstauf kam die Familie dann zu einem Großbauern. Während ihre Schwester im Haushalt half, verrichtete Aloisia R. die Näharbeiten. „Die Bäuerin dankte uns den Fleiß und wir hatten immer ausreichend Milch, Mehl und Eier.“ 1948 lernte die junge Vertriebene ihren Mann kennen und lieben. „Josef wollte so schnell wie möglich heiraten. Aber ich hatte so meine Bedenken, weil wir doch gar nichts hatten.“ Zudem waren die Eltern von Josef nicht gerade begeistert, dass ihr Sohn einen „Flüchtling“ auserkoren hatte. In ihrer Schwägerin in spe hatte die junge Aloisia aber eine Verbündete. Sie sorgte für ein gebrauchtes Brautkleid und silberne Ringe beschaffte sich das Paar selbst. „Als wir 1949 heirateten, hat mein Schwiegervater, sogar eine Sau geschlachtet“, sagt Aloisia R. lächelnd. Und nun sollte sich auch ihr Fleiß von einst bei der Bauernfamilie auszahlen. Denn der Bauer schenkte ihr drei Bäume, aus denen sich das junge Paar Möbel schreinern ließ. „Wir hatten eine kleine Wohnung, mein Mann eine Stellung als Koch und ich verdiente als Näherin Geld. Wir waren einfach nur glücklich.“ Doch nicht lange sollte das junge Glück andauern. Denn als Aloisia R. an Tuberkulose erkrankte, bedeutete dies einen einjährigen Aufenthalt im Sanatorium. Deshalb brachte es einige Schwierigkeiten mit sich, als das Paar sich 1958 entschloss, in Neunburg vorm Wald eine Gaststätte zu übernehmen. „Ich musste immer wieder nachweisen, dass ich gesund bin. Doch das nahm ich gerne auf mich.“

Die 94-Jährige freut sich nicht nur über den Besuch von Lichtblick-Mitarbeiterin Bettina Mack, sondern auch über die Jutetasche gefüllt mit frischem Obst, Süßigkeiten und einem Magazin zur Unterhaltung.

Wenig Begeisterung für die Pläne des Ehemanns

Das Gasthaus lief gut und so war Aloisia R. auch nicht wirklich begeistert, als ihr Mann ihr vorschlug, mit der Bahnhofsgaststätte in Pocking nochmals neu durchzustarten. „Josef versprach sich mehr Einkommen, durch die Nähe zu Bad Füssing.“ Doch zuvor hieß es investieren. Der Kauf der Gaststätte erfolgte auf Leibrente, was bedeutete, dass nach einer Anzahlung ein monatlicher Betrag an die Vorbesitzerin ging. „Dass es nicht leicht sein würde, das sagte schon unser Steuerberater. Aber letztlich haben wir uns entschlossen, das Wagnis einzugehen.“

Fuß fassen mit der neuen Gaststätte war nicht leicht

Es dauerte eine Zeit, bis das Wirtsehepaar Fuß fasste. Mittlerweile wurde ihre Tochter geboren und das Paar erhoffte sich eine weitere Umsatzsteigerung durch einen Ausbau mit Fremdenzimmern. Nach Rücksprache mit dem Steuerberater stockte das Paar den Darlehensrahmen auf. Zuerst schien die Rechnung aufzugehen. Es kamen Vertreter und Reisebusse. „Doch die Busunternehmen haben die Preise gedrückt, die Vertretertätigkeiten wurden weniger.“ Ein Hamsterrad begann sich zu drehen, aus dem es kein Entrinnen mehr zu geben schien. Die Leibrentenzahlungen stiegen zudem, Bedienungen mussten entlassen werden. Wenn die Gaststube leer war, kümmerte sich Aloisia R. um die Buchführung, zudem nahm sie ihre kränkelnden Eltern zu sich. Das Wirtsehepaar und mittlerweile auch die Tochter schufteten bis zur Belastungsgrenze. „Ich hatte viele schlaflose Nächte, weil ich einfach keinen Ausweg mehr sah.“ Als 1991 ihr Mann starb, der Schuldenberg erdrückend hoch war, zog Aloisia R. die Reißleine und verkaufte die Gastwirtschaft.

„Es ging gerade so auf. Die Schulden waren zwar weg, doch mit damals 68 Jahren stand ich vor dem Nichts. In die Rentenkasse hatte ich nicht einbezahlt, weil ich es mir schlichtweg nicht leisten konnte. Als ich damals anfragte, hätte ich nämlich 30000 DM nachzahlen müssen und das war nicht drin.“ Es erwies sich als Segen, dass der Vater so darauf erpicht war, dass seine Töchter die Papiere sorgsam aufheben. „Durch den Nachweis im Arbeitsbuch gab es eine kleine Rente, hinzukommt die Witwenrente. Viel ist es nicht, aber zumindest ein bisserl etwas. Ich habe immer gearbeitet und kann das auch belegen, doch mir blieb nur der Weg zum Sozialamt.“

Arm an finanziellen Mitteln, aber reich im Herzen

Wer nun denkt, dass Aloisia R. zu den Menschen gehört, die sich jammernd dem Schicksal hingeben, der irrt. „Ich habe nicht viel Geld, aber ich bin reich durch meine Familie. Ich habe eine Tochter, die sich um mich kümmert und Enkelkinder, die gerne zu mir kommen und mich beinahe täglich anrufen.“ Und auch das Lebensglück klopfte noch mal laut an die Türe, als sie ihren Lebensgefährten Hans kennen lernte. „Ich habe ihm gleich gesagt, dass ich kein Geld habe und auch keines von ihm will. Weil ehrlich währt am längsten. Und trotzdem wollte er mit mir seinen Lebensabend verbringen“, betont Aloisia R. In der wenigen Zeit, die den beiden gemeinsam blieb, lernte Aloisia auch ein kleines Stück der Welt kennen. „Wir sind in die Schweiz und Ungarn und vor allem viel in Deutschland gereist“, erzählt sie begeistert, „ich wusste gar nicht, wie schön Deutschland ist. Als ihr Lebensgefährte unheilbar erkrankt, ist es für sie selbstverständlich, dass sie ihn bis zum letzten Atemzug pflegt. Und auch das ist Aloisia R.: Sie sorgte dafür, dass sie keine finanziellen Vorteile aus ihrer Verbindung mit dem Lebensgefährten zog. „Denn der hat doch selbst Kinder und ich wollte nichts von ihm erben.“

Hilfe anzunehmen fällt Aloisia R. schwer. Auch als Bettina Mack sie immer wieder darauf hinweist, dass sie von Lichtblick unterstützt wird, wenn irgendein Haushaltsgerät schlapp macht, oder eine Stromnachzahlung ansteht. „Ich schäme mich dafür, Hilfe annehmen zu müssen. Dadurch, dass ich mir noch selbst koche, kann ich sparsam leben“, erklärt sie verschämt, aber über die 35 Euro, die sie von Lichtblick via Patenschaft monatlich erhält, freut sie sich schon. Und auf die neue Brille, die sie nun dank der finanziellen Unterstützung von Lichtblick in Auftrag geben konnte, freut sich Aloisia R. ganz besonders.

Redakteurin/Fotos: Angelika Gabor Quelle: Straubinger Tagblatt/Osterhofener Anzeiger

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